
Yevon als das Opium des Volkes? Eine religionswissenschaftliche Einordnung der Religionskritik in 'Final Fantasy X'
Einleitendes – Final Fantasy X und Marx
Als Spieler*innen von Final Fantasy X (FFX) werden wir zunächst mit der technisch hochentwickelten und futuristischen Ästhetik der Stadt Zanarkand konfrontiert, die sich nach einem Zeitsprung mit dem Protagonisten Tidus um 1000 Jahre in die Zukunft in einen interessanten Anachronismus auflöst. Denn die Welt ist nicht noch futuristischer geworden. Stattdessen erlebt Tidus eine zum Teil rückwärtsgewandte und traditionalistische Gesellschaft in der Welt Spira, welche durch die Lehren der Yevon-Religion strukturiert ist und explizit auf fortgeschrittene Technologie verzichtet. Yevon gilt als Zentrum des Lebens nahezu aller Menschen und verspricht, die einzige Lösung für das gemeinsame Problem zu sein: Sin, ein gigantisches alienartiges Wesen, welches Spira durchstreift und regelmäßig scheinbar wahllos die Gesellschaft angreift.
Zwar ist man als Spieler*in immer wieder Teil religiöser Handlungen, jedoch wird die antireligiöse Tendenz des Narrativs offensichtlich. Im Laufe des Spiels gilt es, sowohl Sin als auch die religiöse Elite Yevons zu besiegen und dadurch die Gesellschaft Spiras vom Joch der als manipulativ und korrupt dargestellten Religion zu befreien.
Dieser Artikel beabsichtigt, die Analyse der Final-Fantasy-Reihe um religionswissenschaftliche Aspekte zu erweitern. Dabei bietet sich der zehnte Teil der Reihe besonders an, da sich Narrativ und Spielwelt explizit um die Auseinandersetzung mit dem Glauben der Bevölkerung und der Struktur einer fiktiven, institutionalisierten Religion drehen. Der im Narrativ verwobene Diskurs um den Kampf gegen die Unterdrückung durch eine hegemoniale religiöse Tradition lässt sich anhand der Klassiker neuzeitlicher und moderner Religionskritik näher analysieren. Besonders die traditionelle Religionskritik von Karl Marx und dessen Ansatz der Religion als ‚Opium des Volkes‘ liegen nahe, da diese eine ähnliche Prägnanz und Klarheit in Bezug auf die gesellschaftlichen Verhältnisse aufweisen wie die Religionskritik in FFX. Zeitgenössische und weiterführende Rezeptionen von Marx’ Kritik an Religion, obgleich interessant für ihre Reflexionen über die heutige Gesellschaft und die Kontextualisierung in globale religionswissenschaftliche Diskurse, gehen über die Komplexität der Gesellschaft Spiras hinaus, welche klare politische und religiöse Strukturen aufweist. Aufgrund der breiten Rezeption der marxistischen Religionskritik im akademischen wie (pop-)kulturellen Bereich, ist Marx’ Ansatz auch heute noch von Relevanz. Die Ausrichtung auf gesellschaftliche und ökonomische Verhältnisse erlaubt es, Parallelen zum Narrativ in FFX zu ziehen, wobei auch einige markante Unterschiede festzustellen sind.
Um dies zu untersuchen, folgt diese Arbeit dem Ansatz zur Analyse von Religion in digitalen Spielen von Heidbrink et. al.1 Nach einer kurzen Einführung in die Methodik werden religiöse Elemente der ersten drei Analyseebenen Game Narratives, Aesthetics und Gameworld herausgearbeitet. Anschließend gebe ich eine kurze Zusammenfassung der Religionskritik bei Marx. Im letzten Schritt werden beide Aspekte miteinander verbunden und die spielweltlichen und narrativen Besonderheiten herausgearbeitet, um zu untersuchen, inwiefern wir es beim Kampf gegen Yevon mit einer marxistischen Religionskritik zu tun haben. Dieser letzte Schritt beinhaltet eine nähere Analyse einerseits der Struktur und Lehre der Yevon-Religion, andererseits der Idee der Fremd- und Selbstmanipulation. Dieser Beitrag fokussiert sich auf narrative und inhaltliche Aspekte, während ludische Aspekte wie Gameplay, Levelsystem etc. für diese Arbeit nur am Rande von Relevanz sind.
Methodik und Forschungsstand
Den theoretischen Rahmen dieser Arbeit bildet der Ansatz von Heidbrink et. al., bei dem Religion in digitalen Spielen auf fünf Ebenen analysiert werden kann: Game Narratives, Game Aesthetics, Gameworlds, Gameplay und Gaming Culture.2 Für die vorliegende Analyse der religionskritischen Elemente in FFX sind besonders die drei erstgenannten Ebenen von Bedeutung. Dabei wird das Narrativ des Spiels als eigener, „prozessualer und dynamischer Text“3 angesehen, aus dem die religiösen Elemente herausgearbeitet werden und im Zentrum der Analyse stehen.4 Für die Analyse wird nach einer Zusammenfassung des Plots eine nähere Beschreibung einer Auswahl an (Schlüssel-)Szenen vorgenommen (Game Narrative) und anschließend mit dem Aufbau der Spielwelt samt Hintergrundgeschichte (Gameworld) und den beobachtbaren Eindrücken der visuellen Darbietung und Symbolik (Game Aesthetics) ergänzt – der Fokus liegt besonders auf In-Game Aspekten. Diese Sammlung an ‚Texten‘ wird anschließend im Hinblick auf die Anschlussfähigkeit der Marx’schen Religionskritik analysiert und interpretiert.
Mein Beitrag orientiert sich an dem „konsensfähigen, populären Religionsverständnis“5 von Michael Bergunder.6 Dies umfasst sowohl realweltliche Religionen als auch alternativreligiöse, spirituelle und esoterische Bewegungen und die Praxis von Magie in Geschichte und Gegenwart. Diskurse aus und um sowie Elemente von all diesen ‚Religionen‘ sind mögliche Analysegegenstände. Zwar gibt es eine Vielzahl an Literatur mit wissenschaftlichen Analysen zu FFX, wie beispielsweise eine nennenswerte Analyse der Dialektik von Hoffnung und Unterdrückung durch Yevon in der Spiras Gesellschaft mithilfe der philosophischen Ansätze von Machiavelli und Nietzsche.7 Erwähnenswert ist außerdem ein marxistischer Blick auf die gesamte Reihe von Michel Beaulieu.8 Es gibt jedoch, bis auf Ansätze in den universitären Abschlussarbeiten von Mansikka9 und Sjølie10, deren Ergebnisse in diese Arbeit einbezogen werden, keine Analyse einer marxistischen Religionskritik in Bezug auf das Spiel. Allerdings existieren eine Vielzahl an pop-kulturellen Rezeptionen dieses religionskritischen Diskurses im Internet, beispielsweise bei YouTube11 oder Reddit – die Verbindung zu Marx wird dabei jedoch nur in den seltensten Fällen gezogen.
Religionskritik nach Marx – ein Klassiker
Religion und dessen Kritik zählt bei Marx nicht als Hauptthema, viel mehr sieht er die philosophische Religionskritik zu seiner Zeit bereits als abgeschlossen an.12 Zwar argumentieren einige dafür, dass man Marx’ Thesen über Religion nicht als eigenständige Religionskritik, sondern als Metakritik auffassen sollte,13 dennoch ist die Bezugnahme der religionskritischen Implikationen von Marx’ Lehre für ein tiefes Verständnis seiner Kritik der politischen Ökonomie notwendig, oder wie Eßbach es formuliert: „keine Kapitaltheorie ohne Religionstheorie […].“14 Für Marx hat der Mensch „in der phantastischen Wirklichkeit des Himmels, wo er einen Uebermenschen suchte, nur den Wiederschein seiner selbst gefunden […].“15 An dieser Stelle bezieht er sich auf Ludwig Feuerbach (1804-1872) und dessen als Klassiker geltende philosophische Religionskritik, auf die ein Blick in Bezug auf FFX lohnt.
Feuerbach eignete sich zunächst Hegels Idee der Religionsphilosophie an, lehnte sie später ab und deutete sie schließlich um. Nach Feuerbach ist Religion ein vom Menschen gemachtes Phänomen. Seine Philosophie transformiert die Theologie zur Anthropologie. Der Mensch sei auf eine bestimmte Idee von Gott gerichtet und projiziere seine eigenen, ihm fehlenden Eigenschaften in eine transzendente Gottheit, die er sich gegenüberstellt – daher wird Feuerbachs Ansatz auch Projektionsthese bzw. -theorie genannt.16 Der Mensch überträgt seine Ideal- und Wunschvorstellungen in ein perfektes Bild einer Gottheit im Himmel: „Die Religion ist die mit dem Wesen des Menschen identische Anschauung vom Wesen der Welt und des Menschen.“17 Der Grundfehler bestehe laut Feuerbach darin, dass der Mensch sich selbst in diesem Prozess entfremde, indem er sich einem von ihm selbst getrennten Wesen hingebe.18 Bei seinen Schriften über Religion bezieht sich Feuerbach hauptsächlich auf das Christentum, speziell im zentralen Werk Das Wesen des Christentums von 1841, welches im Kontext des revolutionären Vormärz besonders kontrovers diskutiert und rezipiert wurde.19
Marx überträgt die Grundzüge der Feuerbach’schen Religionskritik nun auf seine antikapitalistische Gesellschaftstheorie und entwickelt eine eigene gesellschaftliche Kritik an Religion. Einerseits stützt er sich auf die Philosophie Feuerbachs, andererseits kritisiert er diese als zu abstrakt.20 Beispielsweise formuliert er in seinen Thesen über Feuerbach (1845) die fehlende materialistische Ausrichtung seiner Zeitgenossen inklusive Feuerbach: „11) Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretirt, es kömmt drauf an sie zu verändern [sic!].“21
Oft fehlgedeutet, ist Religion laut Marx „das Opium des Volks“, welches negative sowie positive Eigenschaften vereint.22 In der Einleitung zu seiner Kritik an der Rechtsphilosophie von Hegel schreibt Marx:
Das religiöse Elend ist in einem der Ausdruck des wirklichen Elendes und in einem die Protestation gegen das wirkliche Elend. Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüth einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volkes.23
Aus dem Opium als notwendiges Hilfsmittel für die Unterdrückten wird in Marx’ Rezeptionsgeschichte gerne „das Opium für das Volk“ gemacht, womit besonders die sedierende Funktion von Religion als „Instrumentarium von Eliten“24 gemeint ist. Religion sei von den Obrigkeiten benutzt, um das Volk zufrieden zu stellen, abzulenken oder konfliktscheu zu machen. Mit einem Blick auf den Kontext im Text wird jedoch klar, dass diese Deutung wenig sinnvoll erscheint. Stattdessen ist bei Marx die Religion als Opium des Volkes ein vermeintlich notwendiges Mittel, um die gesellschaftliche (Not-)Lage zu ertragen.
Marx überträgt das religiöse Bedürfnis der Menschen „ins ‚Materialistische‘ der sozialen Notlage“25. Seine auf die gesellschaftlichen und ökonomischen Verhältnisse ausgerichtete Philosophie hat die Aufgabe, die Religion als Quelle von Glück aufzuheben. Nach seiner Aussage über das Opium schreibt er: „Die Aufhebung der Religion als des illusorischen Glücks des Volkes ist die Forderung seines wirklichen Glücks. […] Die Kritik der Religion ist also im Keim die Kritik des Jammerthales, dessen Heiligenschein die Religion ist.“26 Die Überwindung der Religion hängt untrennbar mit der Überwindung der ungerechten gesellschaftlichen Strukturen zusammen, welche sich in den Eigentumsverhältnissen der kapitalistischen Gesellschaftsstruktur zeigen. Eine Verbesserung der Zustände der unterdrückten Bevölkerung und die Überwindung der bestehenden Kapital- und Abhängigkeitsverhältnisse würde Religion obsolet machen: „Erst die Entstehung des realen Glücks macht das illusorische der Religion überflüssig.“27 Religion verspricht Erlösung aus den miserablen Verhältnissen im Diesseits durch ein illusorisches Jenseits. Marx’ Theorien formulieren hingegen die „Erlösung der Menschheit […] aus den gesellschaftlichen Antagonismen als diesseitiges Ziel der geschichtlichen Bewegung der Menschheit.“28 Diese religionskritischen Gedanken lassen sich auf narrative Elemente aus FFX übertragen.
Das Narrativ um Yuna, Yevon und Sin
Bevor die religionskritischen Elemente im Spiel näher beleuchtet werden, folgt zunächst eine kurze Zusammenfassung des Plots. Zur Ausgangssituation: Die Spieler*in findet sich in der Rolle von Tidus wieder, ein Blitzball-Spieler aus der hochentwickelten Stadt Zanarkand, welcher mit dem Schwertkämpfer Auron beim ersten Angriff der riesigen, gottähnlichen Kreatur Sin um 1000 Jahre in die Zukunft transportiert wird. Dort lernt Tidus das Medium Yuna und ihre Gruppe an Leibwächtern und für ihn neue kulturelle Gepflogenheiten kennen. Als Medium hat Yuna drei Aufgaben: Sie segnet die umherstreifenden Seelen von kürzlich Gestorbenen, genannt Illumina und geleitet diese an ihren letzten Ruheplatz, das Abyssum. Dies ist wichtig, da sich die nicht gesegneten Toten entweder in Monster verwandeln, die die Gruppe regelmäßig bekämpfen müssen, oder sie leben als besonders willensstarke Geister bzw. Träume weiter, wie einige wichtige Charaktere im Spiel. Außerdem pilgert Yuna durch das Land, um in den Tempeln von Spira die Beschwörung von sogenannten Bestia zu lernen, magischen Monstern, die einem beschwörenden Medium ihre Kraft verleihen. Als Hauptaufgabe der Media gelten der Kampf und schlussendlich das Besiegen von Sin.
Tidus schließt sich den Leibwächtern an und begleitet Yuna auf ihrem Weg durch verschiedene Städte und abgelegene Orte bis nach Zanarkand, um dort die entscheidende ‚Hohe Beschwörung‘ zu lernen, mit der Sin zumindest für zehn Jahre (die sogenannte ‚Stille Zeit‘) besiegt werden kann – wobei sich das Medium opfern muss, um die Beschwörung abzuschließen. Dabei decken sie gemeinsam die Korruption der knapp tausend Jahre alten institutionalisierten Religion Yevon auf, welche Sin als heilige Strafe für die Nutzung von fortschrittlicher Technologie namens Machina erklären. Man erfährt, dass Tidus’ Vater Jekkt zusammen mit Auron ein Leibwächter von Yunas Vater Braska war und er zum neuen Sin geworden ist. Es stellt sich heraus, dass Tidus, Auron, Jekkt und das alte, hochentwickelte Zanarkand nur ‚Träume‘ sind. Das alte Traum-Zanarkand wurde von dem religiösen Anführer Yevon als kontinuierliche Beschwörung geschaffen, um die Erinnerung an Zanarkand zu erhalten. Dafür erschuf er Sin als Waffe um die Bevölkerung Spiras in Schach zu halten, damit sie Traum-Zanarkand nicht finden können. Über die folgenden 1000 Jahre bis zu den Ereignissen um Yuna hat Yevon seine Menschlichkeit verloren und lebt nur als Yu-Yevon (Fluch Yevons) weiter, um die Erinnerung an Traum-Zanarkand zu erhalten. Wenn Sin von einem Medium besiegt wird, nimmt Yu-Yevon Besitz von der ‚Hohen Beschwörung‘ und verwandelt das geopferte Medium in die neue Version von Sin, was zehn Jahre dauert.
Die Gruppe deckt diese der Bevölkerung völlig unbekannten Begebenheiten auf, da sie sich gegen einen aufstrebenden und machthungrigen Primas (Priester Yevons) namens Seymour Guado zur Wehr setzen und dabei die Geheimnisse um Yu-Yevon enthüllen. Tidus, Yuna und der Rest der Gruppe finden schließlich einen Weg, den endlosen Zyklus zu brechen. Sie greifen Sin mit einem Luftschiff der Al-Bhed an und kämpfen in Sins Innerem gegen Yu-Yevon. Dabei wird der Kreislauf von Yevons und Sins Existenz gebrochen, die Bevölkerung Spiras gerettet und es lösen sich Traum-Zanarkand und Tidus selbst auf. Zwar ist Yevon geschlagen, es bleiben dadurch jedoch andere religiöse Elemente wie der im Narrativ verwobene Diskurs des Messianismus um Tidus und Yuna bestehen.
Die Erlösung der Seele(n) in der Gameworld
Religion nimmt im Leben der Bevölkerung Spiras eine besondere Rolle ein. Bis auf die abseits der Gesellschaft lebenden Al-Bhed sind fast alle Menschen in Spira religiös und vertrauen der Erlösung durch Yevon und den Kampf der Media gegen Sin. Die Erlösung wird nicht nur der religiösen Elite, sondern allen Menschen versprochen, vergleichbar mit der christlichen Soteriologie.29 Erlösung ist dabei in zweierlei Hinsicht zu verstehen. Einerseits ist damit der Sieg über Sin und die damit verbundene ‚Stille Zeit‘ gemeint, für die Yevon angeblich durch die heilige Ausbildung der Media in den Tempeln sorgt. Andererseits bietet Yevon den Menschen auch nach ihrem Tod eine Segnung durch die Media, wodurch sie nicht die unheilvolle Existenz als Ungesandte (‚Unsent‘) einnehmen müssen und ihre Seele ins Abyssum geleitet werden kann.
Die Bedeutung der Seelen von Lebewesen nimmt in FFX eine zentrale Rolle ein. Dies passt einerseits zur religiös-kulturellen Prägung des südostasiatischen Raumes, andererseits zum Diskurs um das Heil der Seele im antiken und mittelalterlichen Christentum Europas, welcher durch die Religion Yevon angedeutet wird.30 Zwar ist die Vorstellung einer Seele in diversen einflussreichen Lehren in der europäischen Religionsgeschichte vertreten, darunter besonders eindrucksvoll in der Gnosis,31 jedoch lässt sich am besten das historische Versprechen der Rettung der christlichen Seele mit FFX vergleichen. Der Versuch, das Heil für die Seele zu erlangen, ist in den meisten Religionen zu finden, jedoch bietet das Christentum durch die Institution Kirche ein Alleinstellungsmerkmal. Wie Eßbach herausarbeitet, kann das Seelenheil in Religionen wie dem Hinduismus oder dem Judentum auch ohne eine kirchenähnliche Autorität erlangt werden.32 Nach der katholischen Lehre hängt das Seelenheil untrennbar mit der Kirche als göttlicher Vertretung zusammen und sie hat eine „zwar befristete, aber unzerstörbare Identität“33 inne – genau wie Yevon.
Die Rolle der Media als religiöse Heilige, die gesellschaftliche Hegemonie und die personelle Spitze Yevons um Erzprimas Yo Mika und Seymour Guado machen Parallelen zur mittelalterlichen Geschichte der katholischen Kirche offensichtlich, genau wie die Bedeutung des Namens Sin als Sünde selbst.34 In Spira leben zudem die Al-Bhed, eine Gruppe Menschen mit eigener Sprache, welche sich aktiv gegen Yevon stellen und gegen Sin kämpfen und dabei auf die Verwendung von Machina und hochentwickelten Waffen setzen. Mit ihnen schließt sich die Gruppe um Yuna im Verlaufe des Spiels zusammen, um gegen Sin zu kämpfen. Die Al-Bhed stellen eine Besonderheit in Spira dar, da sie das einzige Volk sind, welches keine offenkundig religiösen Elemente in ihrer Kultur pflegt.35 Außerdem stellen sie sich gegen das in Yevon vorherrschende Dogma, das die Nutzung von Technologie explizit als Häresie darstellt. Der eklektische Umgang mit diesem Dogma seitens Yevon, spricht für die Verschränkung von Religion und Politik.36
Religiöse Ästhetiken in Spira
Über das Narrativ hinaus enthält das Spiel visuelle und symbolische Anspielungen auf verschiedene Religionen, deren Analyse einer eigenständigen Arbeit bedarf, weshalb an dieser Stelle nur einige Beispiele genannt werden sollen. Beispielsweise läuft und tanzt Yuna bei einem Ritual zur Segnung gestorbener Menschen barfuß auf dem Wasser (siehe Abb. 1), in Anlehnung an Jesus Christus, der nach der biblischen Überlieferung über das Wasser läuft (Mt 14,22-33). Yuna wird als Messias-Figur dargestellt, eine Rolle, welche sie sich mit der Hauptfigur Tidus teilt. Beide habe messianische Züge, welche sich bei Yuna besonders in ihrer Symbolik als ‚letzte Hoffnung‘ zeigen. Das Wort Messias geht auf das hebräische Wort משיח (maschiach) zurück und bedeutet wörtlich ‚Gesalbter‘. Ab dem 6. Jhd. v.d.Z. entwickelt der Begriff eine neue Bedeutung, man erwarte von dem Messias „die Befreiung von Fremden und Unterdrückern“37. Die Bezüge zu Yuna und Tidus und deren Kampf gegen Yevon liegen auf der Hand.
Yuna besticht ästhetisch und charakterlich durch ihre symbolischen Parallelen zu Jesus Christus wie etwa ihre Pilgerreise und die wachsende Anhängerschaft. Yunas Geschichte zeichnet sich auch durch die Außenseiterrolle mit Ablehnung einiger gesellschaftlicher und religiöser Führungspersonen aus, da die Gruppe zeitweise durch Yevon verstoßen und gejagt wird. Dies ist ähnlich der biblischen Überlieferung von Jesus, der vor seinem Tod auch in Konflikt mit den zeitgenössischen „religiösen, sozialen und politischen Ordnungsmächten“38 stand. Beide sind für die Obrigkeiten als „gefährliche Unruhestifter“39 gebrandmarkt. Yunas Rolle als religiöse Außenseiterin wird ergänzt durch Tidus, der eine von außen in die gesellschaftlichen Verhältnisse eindringende Gefahr für Yevon darstellt.
Im Gegensatz zu Yunas positiver Darstellung als revolutionäre Messias-Figur, stehen die (Erz-)Primas Seymour und Yo Mika, die die oben angesprochene religiöse Hegemonie in Spira vertreten. Ästhetisch sind die Primas von Yevon an realweltliche religiöse Führungspersonen wie beispielsweise katholische Priester angelehnt (siehe Abb. 2). Sie tragen den ganzen Körper bedeckende Roben. Dies ist eine Besonderheit beim Primas Kelk Ronso, da sein Volk, die Ronso, normalerweise verhältnismäßig wenig Kleidung trägt. Yevon steht damit im Gegensatz zu ihren größten Feinden, den Al-Bhed, welche in der Regel in freizügiger Kleidung dargestellt sind. Ästhetisch wird Kleidung demnach an die religiöse Stellung in der Gesellschaft geknüpft.
Zwar verfolgt das Spiel visuell eine geographische und kulturelle Ästhetik, die sich besonders am südasiatischen Raum und dessen Stil orientiert, wie Mansikka40 bereits richtig herausgearbeitet hat, jedoch finden sich diverse ästhetische Elemente aus verschiedenen global wirksamen Religionen. Beispielsweise gibt es Einflüsse aus dem japanischen Raum durch Shinto und buddhistische Traditionen, es lassen sich aber auch Parallelen zwischen Yevon und der katholischen Kirche ziehen, zum Beispiel im Begriff des schon zuvor angesprochenen ‚Seelenheils‘.
Die marxistische Deutung von Yevons Herrschaft
Es gibt mehrere Punkte, die für eine marxistische Deutung der Gesellschaftsstrukturen Spiras sprechen. In seiner Kritik der Junghegelschen Philosophie macht Marx den Kern und das Ziel all seiner kritischen Arbeit klar: (Deutsche) Kritik soll nicht nur Philosophie bleiben, sondern auch die Wirklichkeit verändern.41 In letzter Konsequenz ließe sich das Narrativ zudem basierend auf Feuerbach und Marx dahingehend deuten, dass man mit Sin und Yevon die Projektion von Gott selbst tötet, um frei zu sein. Im Sinne von Marx wäre dies als revolutionäre Praxis zu deuten, mit der die bestehenden Verhältnisse aufgelöst werden und Religion obsolet werde. Dabei ist ein erster Unterschied festzustellen, da Religion als solche in FFX nicht aufgelöst wird, sondern nur deren institutionalisierte Form – die Religion besteht nicht nur aus Lügen um Yu-Yevon, sondern basiert auf Halbwahrheiten, was deren Auswirkungen auf die Bevölkerung angeht. Die Seelen der Verstorbenen werden tatsächlich ins Abyssum begleitet und dort erlöst.
Das starre Weltbild in Spira hängt mit dem strengen Dogmatismus der Yevon-Religion zusammen. Von Yevon erschaffen, wird die Ideologie von den religiösen Führungspersonen um Erzprimas Yo Mika weitergetragen, während sich die Religion als Kirche mit eigener Hierarchie und Ordnung organisiert. Yo Mika setzt auf ein friedliches und besonnenes Äußeres, ist aber insgeheim ein ‚Ungesandter‘, der die bestehenden Verhältnisse vertuscht und an der Korruption Yevons maßgeblich beteiligt ist. An dieser Stelle ließe sich eine Parallele zu Marx’ religionskritischer Rezeptionsgeschichte ziehen, da die religiöse Elite in FFX die eigene Religion einsetzt, um das Volk wie durch Opium zu ‚sedieren‘. Außerdem passen Marx’ Aussagen über die sozialen Prinzipien des Christentums, die er als „duckmäuserisch“42 bezeichnet. Sie seien nicht mit den revolutionären Prinzipien des Proletariats in Einklang zu bringen, da die sozialen Prinzipien des Christentums „die Notwendigkeit einer herrschenden und einer unterdrückten Klasse“43 predigen. Die herrschende Klasse habe für die unterdrückte nur den „frommen Wunsch, die erstere möge wohltätig sein.“44 Genauso ist die Bevölkerung Spiras vom Wohlwollen der religiösen Spitze um Yo Mika abhängig.
Die Religion steht gegen Innovation, Fortschritt und Veränderung und versucht, die Menschen klein zu halten, um die eigene Herrschaft zu sichern. Dabei liegt nicht nur die religiöse Deutungshoheit bei der ‚Kirche‘ Yevon, es konzentriert sich auch die politische Macht mitsamt Militär bei ihr. Als Spieler*in hat man die Möglichkeit und Aufgabe, die Dogmen infrage zu stellen. Die Nachfahren Yevons und Priestereliten in Spira haben Machtstrukturen erschaffen, welche streng hierarchisch und klerikal aufgebaut sind und auch hier einen marxistischen Blick erlauben. Die herrschende Klasse der Gesellschaft, welche bei Marx die Aristokratie bzw. Bourgeoisie betrifft, ist in FFX die religiöse Elite um Seymour Guado. Als oberster Primus nach Yo Mika folgt Seymour, der in seiner Funktion als eine Art Oberpriester oder sogar Papst anzusehen ist. Sowohl die moderne kapitalistische Gesellschaft nach Marx als auch Yevon nutzen eine bestimmte Ideologie, um ihre Position zu legitimieren. Innerhalb dieser beiden Ideologien wird die Gesellschaft in verschiedene Klassen aufgeteilt. Die Religion ist in beiden Fällen die gesellschaftliche „moralische Sanktion und allgemeiner Trost- und Rechtfertigungsgrund.“45
Seymour besitzt einen stereotypisch machthungrigen Charakter mit fragwürdiger Moral. Er entführt Yuna, um sie zu heiraten und aufgrund ihrer Herkunft zur mächtigsten Person Spiras aufzusteigen und letztendlich selbst zu Sin zu werden. Die Gruppe tötet Seymour im Kampf, jedoch wird die Segnung seines Körpers verhindert. Die Nicht-Segnung seiner Seele (‚Unsent‘) und sein aggressives und machtbesessenes Handeln bringen die Gruppe schließlich auf die Idee, dass Yevons Lehre nicht die ganze Wahrheit enthält.
Eine unterschwellige Religionskritik wird außerdem bei der Transformation kultureller und religiöser Praxis deutlich. Tidus erkennt bereits kurz nach seiner Ankunft auf der Insel Besaid, dass die Handbewegung des allgemein gültigen Gebets vor tausend Jahren eigentlich ein Zeichen für ‚Sieg‘ beim Blitzball war. Nachdem die Gruppe Besaid verlässt, wird Tidus die Möglichkeit gegeben, selbst ein Gebet durchzuführen – eine der wenigen Aktionen, in denen die spielende Person entscheiden kann, an religiösen Handlungen aktiv teilzunehmen oder nicht. Zwar ist das Narrativ an sich schon anti-religiös geprägt, dies wird aber durch die als Außenseiter agierende Position der Protagonisten Tidus und Yuna und das lineare Gameplay gestützt. Es gibt keine alternativen Enden oder viele Freiheiten in den Handlungsmöglichkeiten, die das Narrativ betreffen, da das Spiel eine Abfolge an Ereignissen vorgibt, was für Final Fantasy und JRPGs im Allgemeinen typisch ist. Es existieren nur wenige moralische Grauzonen, zudem hat man letztendlich nicht die Wahl, ob man Yevon wirklich stürzen und die Bevölkerung von der Korruption der Religion befreien möchte, wie es beispielsweise bei anderen einflussreichen RPGs wie Fallout 2, Star Wars: Knights Of The Old Republic oder Baldur’s Gate 3 der Fall ist. Diese fehlende ‚Agency‘46 vereinfacht die Interpretation des Narrativs und dessen religionskritische Implikationen.47
Fremd- und Selbstmanipulation
Ein Grundsatz der Kritik der politischen Ökonomie von Marx ist der Gedanke, dass nicht das Bewusstsein der Menschen ihr Sein, sondern andersherum ihr gesellschaftliches Sein das Bewusstsein bestimmt.48 Ein Kernelement von Marx’ Metakritik ist die Abhängigkeit der gesellschaftlichen Bedingungen von den Eigentumsverhältnissen der technologischen und industriellen Mittel. Politik und Religion sind in Spira eng miteinander verbunden. Die Menschen werden in ein gesellschaftliches System geboren, welches von einer religiös legitimierten Hierarchie durchzogen ist und in dem Yevon nahezu jeden Aspekt des gesellschaftlichen Lebens kontrolliert. Die Religion verbietet zwar Machina, jedoch nimmt Blitzball einen besonderen Stellenwert in Spira ein, obwohl für diesen Sport diverse Machina verwendet werden müssen. Blitzball erinnert in Spira an die satirische Formel panem et circenses (Brot und Spiele) des antiken Dichters Juvenal, da die Bevölkerung von ihrem Leiden abgelenkt wird und auf keine revolutionären Gedanken gegen Yevon und dessen dogmatische Grundordnung kommen soll.49 Besonders ist zudem, dass beim Blitzball die Al Bhed mitmachen dürfen, obwohl sie ansonsten nach Yevons Lehre geächtet werden.
Religion erfüllt in Spira eine ambivalente Funktion, indem sie einerseits als Opium des Volkes dient. Sie stellt auf der einen Seite den Versuch und das Vertrauen der Menschen dar, ihre Situation zu verbessern. Sie ist ein Ausdruck echten Leids.50 Andererseits wird die Religiosität in Spira von Yevon ausgenutzt, um die Bevölkerung mithilfe der Religion als Instrumentarium im Sinne eines Opiums für das Volk zu kontrollieren. Dies entspricht dem Begriff der Fremdmanipulation, welcher in Bezug auf Religion laut Bossart in einer säkularen und modernen Gesellschaft lieber gesehen wird, als die Selbstmanipulation: Nach der aufklärerischen Prämisse, Religion und Vernunft schließen sich aus, sind „verführte Gläubige weniger beunruhigend als solche, die freiwillig der Vernunft abschwören.“51 Wir haben es bei der Fremdmanipulation der Gläubigen durch Yevon wieder mit der Interpretation der Religion als Opium für das Volk zu tun.
Ein Beispiel dafür ist die Figur Wakka, ein Blitzballspieler und Leibwächter Yunas, der am strengsten an Yevons Grundsätzen festhält und zunächst starke Vorurteile gegen die Al-Bhed hegt und dabei teilweise in rassistische Ressentiments abdriftet.52 Wakkas Glaube an Yevon wird schließlich erschüttert durch die Erkenntnisse der Gruppe im späteren Spielverlauf, wodurch die Fremdmanipulation aufgelöst wird. Dies widerspricht dem Ansatz von Marx’, dass Religion auch als Selbstmanipulation verstanden werden kann. Dieser Widerspruch lässt sich im Religionsbegriff und der Religionskritik des Spieles im Gegensatz zur fundamentalen Religionskritik von Marx auflösen. Als Tidus bekommen wir die Möglichkeit, an religiösen Akten teilzunehmen, beispielsweise durch Beten oder das Bestreiten der Prüfungen von Yuna, welche für den Sieg über Sin notwendig sind. Diese werden auch nicht explizit infrage gestellt. Auch Marx spricht Religion eine gewisse Funktion zu, ein Ausdruck des Leids durch die vorherrschenden Verhältnisse. Jedoch kritisiert er Religion im Allgemeinen und erklärt sie als obsolet, sobald diese Verhältnisse ausgehebelt werden. In FFX sind die religiösen Dogmen von Yevon zum Teil real und sie verkörpern Halbwahrheiten, während die Kritik im Spiel eine andere ist. In Spira erfüllt die Religion eine Funktion, die beispielsweise auch während der Stillen Zeit erfüllt wird – sterbende Menschen werden beispielsweise durch religiöse Akte ins Abyssum begleitet, unabhängig von deren religiöser oder politischer Einstellung, wie Jones richtig herausarbeitet.53 Andererseits liegt der Fokus eindeutig auf den Machenschaften der religiösen Elite. Religion wird also durch das Narrativ und die Gameworld nicht als allgemeines Phänomen kritisiert, sondern lediglich dessen institutionalisierte, politische Form. Dies geschieht vor allem bei der Darstellung der Antagonisten in Form von Seymour Guado und Yo Mika, welche charakterlich besonders durch ihre verschwörerische Korruption gezeichnet werden. Religion an sich wird nicht infrage gestellt, sie ist Teil der Welt, auch nachdem die Machenschaften Yevons durch den Sieg über Sin aufgedeckt und beendet werden.
Nur eine gesellschaftliche Gruppe in Spira ist nicht durch die Selbst- oder Fremdmanipulation betroffen: die Al-Bhed. Noch zu Beginn des Spiels nimmt die Gruppe bei einer militärischen Aktion mit dem Namen Operation Mii’hen teil. Eine Gruppe aus Al Bhed und Bürgerwehr arbeitet zusammen, um Sin im Kampf mit einer Kombination aus Machina und Magie zu besiegen. Dies geht schief, woraufhin der Fehlschlag von Yevon instrumentalisiert wird, um die Macht der eigenen Lehre als einzigen Heilsweg zu Sins Vernichtung herauszustellen. Der Umgang mit Technologie lässt sich mithilfe einer Interpretation von David Hahn in Bezug auf Nietzsche näher beleuchten. Nietzsche sieht eine Umkehr in den Moralvorstellungen vom alten Griechenland zum mittelalterlichen Christentum, bei der nicht mehr Luxus und Komfort, sondern die eigene Enthaltung als Teil einer christlichen Arbeitsmoral im Vordergrund steht – dies wird von Nietzsche kritisiert, da die weltliche Existenz nur auf die Hoffnung eines vermeintlichen Lebens nach dem Tod reduziert wird und so die gemeine Bevölkerung leicht zu kontrollieren ist. Dies geschieht in ähnlicher Weise bei Yevon, da für das Heil in dieser Religion ein Gläubiger ein einfaches Leben führen soll und nicht selbst aktiv handeln kann.54 An dieser Stelle lässt sich wieder der Ansatz von Marx anführen, bei der die Religion obsolet wird, sobald die Unterdrückten selbst die Initiative ergreifen und die gesellschaftlichen Verhältnisse umkehren.
Sjølie sieht in FFX einen Ausdruck einer fundamentalen Religionskritik wie bei Marx und Nietzsche, einen Wunsch zur Distanzierung von Religion im Allgemeinen.55 Während Marx in seiner Religionskritik die vollständige Auflösung der als Knechtschaft verstandenen Religion fordert, handelt es sich in Spira jedoch nur um die Auflösung der Institutionalisierung und des elitären Dogmatismus von Yevon, der Fremdmanipulation des Volkes. Die Religion wird stattdessen transformiert und die religiösen Grundzüge bleiben zum Teil erhalten, darunter der Glaube der Menschen an das Seelenheil. Nach Marx’ Lehre gilt es, die Religiosität des Menschen in Gänze zu überwinden, nicht wie es beispielsweise Luther im Protestantismus getan habe. Dieser habe zwar die „Knechtschaft aus Devotion besiegt“, jedoch die „Knechtschaft aus Überzeugung an ihre Stelle gesetzt“56. Einen vergleichbaren Wechsel in der religiösen Autorität gibt es in Spira, wenn zwar die institutionalisierte Religion am Ende überwunden, an ihre Stelle jedoch ein Glauben an die religiöse Erlösung gesetzt wird. Dies wird im Spiel jedoch nicht mehr explizit ausgehandelt, da das Narrativ nach dem Sieg über Yu-Yevon endet.
Gemeinsamkeiten und kleine, aber feine Unterschiede
In Spira erlebt man den Einfluss der Lehre Yevons einerseits auf metaphysischer Ebene, bei der die Religiosität der Menschen durch die Dogmen der dominierenden Religion geprägt ist, andererseits aber auch auf einer politischen und ökonomischen Ebene. Die religiöse Elite um Seymour und Yo Mika bestimmt das ‚gesellschaftliche Sein‘ in Spira, bei der die Obrigkeit religiös, finanziell, kulturell und militärisch die Macht hat. Das Bewusstsein der Bevölkerung (Yevon als einziger Heilsweg), bestimmt durch das gesellschaftliche Sein (Unterdrückung durch Yevon), ist geprägt von einer Hilflosigkeit, die eine Rettung nur durch eine äußere Macht (Tidus) und eine revolutionäre Messias-Figur (Yuna) möglich macht. Die institutionalisierte Religion versucht alles in ihrer Macht, um den revolutionären Akt zu verhindern.
Religion ist für Spira beides: sowohl Opium des Volkes als auch Opium für das Volk. Die Bevölkerung benötigt Yevon, um zu überleben, da sie sonst durch Sins Angriffe ausgelöscht würden. Die Religion spendet dem Volk Kraft und Hoffnung, um mit der Bedrohung und den gesellschaftlichen Zuständen auszukommen. Andererseits nutzt Yevon die eigene Lehre, um das Volk möglichst klein und unwissend zu halten, also auch eine Art Opium, um das Volk ruhig zu stellen. Die Religion ist einerseits nur eine Illusion, wie bei der Feuerbach’schen Projektionstheorie, die auch Marx übernimmt, jedoch ist ihr illusorischer Charakter der Bevölkerung in Spira als Fremdmanipulation aufgezwungen. Anders als bei Feuerbachs Theorie, geht es bei Yevon jedoch nicht um die Projektion der dem Menschen fehlenden Eigenschaften in eine nicht erreichbare, perfekte Gottheit, sondern in den soteriologischen Plan Yevons und deren religiöse Heilsfiguren wie Yuna, die begleitet oder unterstützt werden mit der Hoffnung auf Erlösung.
Letztendlich geht es in dem Spiel nicht darum, das Konzept von Religion infrage zu stellen, sondern sich nur aus den Ketten der Hegemonie der institutionalisierten Religion Yevon zu befreien. Dieser Akt entspricht der Idee von Marx’ revolutionärer Praxis, ohne seine religionskritische Konsequenz der Überflüssigkeit von Religion nach der Überwindung des Elends zu übernehmen. Einige marxistische Autor*innen erweitern die von Marx aufgestellten Thesen zur Hinfälligkeit von Religion, wie beispielsweise Steigerwald: „Mit der Erringung einer weit höheren geistigen Kultur des Menschen durch den Sozialismus/Kommunismus sterben so auch allmählich die individuellen Bedingungen und Dispositionen für religiöse Gefühle und Stimmungen ab.“57
Auf der anderen Seite gibt es auch religiöse Sozialist*innen, bei denen sich Religion und die marxistische Idee des Sozialismus nicht kategorisch ausschließen.58 Inwieweit spielt Religion nach der Revolution mit dem Sieg über Yevon von Tidus und seiner Gruppe eine Rolle? FFX gibt darauf keine explizite Antwort, außer, dass die Figuren Tidus und Yuna ihre Funktion und Prophezeiung als Messias-Figuren erfüllen.
Was nach dem Sturz Yevons und der Befreiung Spiras von der Bedrohung durch Sin passiert, bleibt zumindest im Spiel FFX offen. Es dürfte nicht von einer „Überwindung der Religion im Zeichen rationalen Fortschritts“59 wie bei Marx ausgegangen werden. Religion kann genauso zur friedlichen Welt Spira dazugehören, weshalb beim Narrativ von FFX nicht von einer konsequent zu Ende gedachten marxistischen Religionskritik gesprochen werden kann, sich von den Entwickler*innen bei Square jedoch einiger Grundzüge bedient wurde – inwieweit hier von einer bewussten Rezeption oder nur dem Aufgreifen von klassischen JRPG-Genre-Topoi gesprochen werden kann, lässt sich nicht final klären.
Die Religionskritik im zehnten Teil der Final-Fantasy-Reihe beschränkt sich auf die institutionalisierte Form von Religion. Da diese am Ende des Spieles gestürzt und überwunden wird, bleibt die Frage, wie sich die religiöse Landschaft nach Sins Tod und Yevons Fall verändert. An diesen Beitrag anknüpfend, bietet sich eine Analyse der Rolle der Religion im Sequel Final Fantasy X-2 an, da die Geschichte in Spira in diesem Spiel weitergeführt wird. Es wäre interessant zu untersuchen, welchen Einfluss die Religion auf die Gesellschaft in Spira nach den hier behandelten Ereignissen ausübt, nachdem Yevon und dessen Doktrin eliminiert wurden, wodurch sich auch Schlüsse über die Religionskritik in FFX ziehen ließen.
Medienverzeichnis
Spiele
Square: Final Fantasy X (Playstation 2). Japan: 2001.
Square: Final Fantasy X-2 (Playstation 2). Japan: 2003.
Texte
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Bilder
Artikelbild: Yo Mika mit Gefolgschaft (eigener Screenshot aus Final Fantasy X (2001) )
Abb. 1: Yuna beim Ritual in Kilika (eigener Screenshot aus Final Fantasy X (2001) )
Abb. 2: Seymour Guado und Erzprimas Yo Mika (eigener Screenshot aus Final Fantasy X (2001) )
- Vgl. Heidbrink; Knoll; Wysocki:


